Musenzeit mit Sue Tilley – für immer nackt auf dem Sofa

Sue Tilley arbeitet als Büroangestellte (Benefits Supervisor) in London und an der Kasse des Londoner Nachtklubs „Taboo“, sie kommt dort in den 90er Jahren mit Kunstgrößen wie dem Performancekünstler Leigh Bowery in Kontakt. Dieser stellt ihr Lucian Freud vor. Freud war einer der bekanntesten und bedeutendsten Porträtmaler Großbritanniens.

Freud überredet „Big Sue“, für ihn Aktmodell zu sein, ihre körperliche Präsenz und besondere Ausstrahlung faszinierten ihn. Big Sue, Mitte 30 zu diesem Zeitpunkt ist eine sehr runde Frau. Vermutlich würden die meisten Leute sie als fett bezeichnen, aber mit einem abfälligen Zungenschlag. Im Jahrzehnt von „Heroine chic“ war ein solcher Körper vielleicht auch nochmal aufwühlender für andere Menschen als das heute immer noch der Fall ist.

Für insgesamt vier Werke Freuds sitzt sie Modell, oder besser: Sie liegt und hockt. Das erste Werk „Evening in the Studios“ aus dem Jahr 1993 verlangt ihr alles ab, denn dabei liegt sie in unbequemer Haltung nackt auf dem Boden, stundenlang, in mehreren Sessions, die sich über Monate hinzogen, meist am Abend und am Wochenende. Später sagt Tilley, dass sie kurz davor war, aufzugeben.

Das zweite Werk „Benefits Supervisor Resting“ entsteht 1994, ebenfalls über mehrere Monate. Hier konnte Tilley auf einem Sofa sitzen, den Kopf nach hinten gekippt. Im Gegensatz zum ersten Bild sind ihre Haare kurz geschnitten und auch die Schamhaare wurden entfernt.

Für das dritte Werk „Benefits Supervisor Sleeping“ (1995) liegt Big Sue seitlich auf einem Sofa, schlafend. Sie ist wieder nackt und mit einer Hand stützt sie ihre massige Brust. Dieses Bild bricht bei einer Kunstauktion bei Christie’s alle Rekorde, als es 2008 für über 30 Millionen Euro versteigert wird, und das zu Lebzeiten des Künstlers.

Ein Jahr später, 1996, entsteht das letzte Bild der Serie: „Sleeping by the lion carpet„, das Sue auf einem Sessel sitzend und schlafend zeigt, Ihr Kopf wird dabei von ihrer Hand gestützt.

Die Beziehung des Künstlers und seiner Muse ist geprägt von gegenseitigem Respekt, auch wenn die ungeschönten, unvorteilhaften Posen seiner Muse es nicht vermuten lassen, so hatte Freud viel für Big Sue übrig. Er war Perfektionist für seine Zwecke, anfängliche Bitten Sues, sie doch vielleicht in Kleidung mit etwas Make-Up zu malen, wurden nicht gehört. Als Tilley einmal nach einem Urlaub für Freuds Empfinden zu gebräunt war, unterbrachen sie die Arbeit für mehrere Monate, bis sie wieder blass genug war. Auch die Tätowierungen von Sue überschminkte der Maler vor den Sitzungen mit hochdeckendem Make-Up. Obwohl man in diesem Machtgefälle Ausbeutung oder Zwang vermuten könnte, war das nicht der Fall. Sue Tilley sagte später, sie wusste genau, auf was sie sich eingelassen habe. Sie wurde DAS Objekt für die Fleischeslust des Künstlers, roh, überzeichnet und fast unnatürlich aufgedunsen und massig.

Sein Stil zeichnet sich eben genau durch diese intensive, naturalistische Darstellung des menschlichen Körpers aus. Freud hatte eine besondere Fähigkeit, die physische Realität des Körpers in seinen Gemälden zu betonen und die Haut, Muskeln und Körperhaltungen seiner Modelle in einer Art und Weise darzustellen, die oft als ungewöhnlich oder unvorteilhaft empfunden wird.

Freud bevorzugte in der Regel eine realistische, fast fotografische Darstellung und arbeitete mit einer begrenzten Farbpalette, die seine Figuren in einer scheinbar alltäglichen Umgebung darstellte. Durch die hyperrealistische Darstellung seiner Motive erreichte er eine Tiefe und gibt Betrachter*Innen das Gefühl, direkt mit den dargestellten Personen interagieren zu können. Voyeuristisch, sagen die Kritiker*Innen, während die breite Anhängerschaft Freunds in jedem Pinselstrich mehr Tiefe entdeckt.

Sue Tilley, inzwischen Mitte 60, ist durch die Bilder nicht reich geworden, pro Session bekam sie ein paar Pfund. Sie hat Bücher geschrieben, unter anderem über ihre Zeit mit Freud und ist heute noch in der Kunstszene aktiv. Wenn man sie googelt, findet man Bilder einer Frau mit grauen Haaren und wachen Augen. Sie sieht viel lebendiger und jünger aus als auf den Gemälden der 90er.

Angebote, sich nackt fotografieren zu lassen, hat sie immer abgelehnt, das sei etwas völlig anderes als die Kunst, von der sie Teil sein durfte. Es ist ruhiger geworden um sie, aber die Faszination für Freuds Werke, von denen sie Teil sein durfte, dauert an.

Und so wird Big Sue als die wohl teuerste, dicke Frau in die Geschichte eingehen, die nackt auf einem Sofa liegt. Chapeau!

Size Acceptance und Body Positivity: Wo stehen wir wirklich?

In einer Welt, die von unrealistischen Schönheitsidealen und strengen Körpernormen geprägt ist, versucht die Size Acceptance-Bewegung Selbstakzeptanz für Menschen aller Körperformen und -größen zu fördern. In diesem Blogbeitrag werfen wir einen Blick auf die Geschichte der Size Acceptance-Bewegung und den aktuellen Stand in Deutschland.

Die Size Acceptance-Bewegung hat ihre Wurzeln in den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten. Seitdem hat sie sich zu einer mehr oder weniger globalen Bewegung entwickelt, die sich für die Akzeptanz und Gleichberechtigung von Menschen mit Über- und Mehrgewicht einsetzt.

Die Geschichte der Size Acceptance-Bewegung

Einer der wichtigsten Protagonist*Innen der Size Acceptance-Bewegung in den 60er Jahren war Bill Fabrey, der die National Association to Advance Fat Acceptance (NAAFA) gründete, als Resultat darauf, wie seine runde Frau behandelt wurde. Er las den Artikel „More people should be fat“ von Lew Louderback und schaffte es mit Hilfe von Louderback eine Gruppe von Gleichgesinnten zu versammeln. NAAFA stand übrigens zu Anfang noch für National Association to Aid Fat Americans. Ein Video über die Bewegung aus den 70er Jahren findet sich wie immer auf YouTube:

Die noch radikalere Gegenveranstaltung war der Fat Underground, von denen 1973 das Fat Liberation Manifesto verfasst wurde. In den 90ern wurde unter anderem The Body Positive gegründet, eine gemeinnützige Organisation, die Menschen dabei unterstützt, ein positives Selbstbild und eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper aufzubauen. Sie bieten Workshops, Bildungsressourcen und eine unterstützende Gemeinschaft für Menschen jeden Alters, Geschlechts und jeder Körpergröße. Hier geht es also nicht nur um Fat Acceptance, sondern insgesamt darum, den eigenen Körper zu akzeptieren. Auf den Webseiten sind allerdings fast nur Frauen zu sehen, so als wäre dies kein Thema für Männer (oder Männer interessieren sich kaum dafür, was natürlich auch sein kann). Natürlich gibt es auch bei reddit ein Plus Size Support Forum mit wirklich interessanten Diskussionen, allerdings vor allem auf Englisch.

Size Acceptance und Body Positivity in Deutschland

Laut dem Statistischen Bundesamt sind in Deutschland etwa 67% der Männer und 53% der Frauen übergewichtig. Die Prävalenz von Adipositas ist in den letzten Jahren gestiegen, was die Notwendigkeit einer stärkeren Size Acceptance- und Body Positivity-Bewegung unterstreicht. In Deutschland war es allerdings zunächst nur der Verein Dicke e.V., der sich gegen die Diskrimierung gegen Dicke eingesetzt hat, aber vor wenigen Jahren aufgelöst wurde. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung ist eine immer noch bestehende Alternative.

Interessanterweise sind in den deutschen Medien aber weniger diese Organisationen als vielmehr Influencer*Innnen und Aktivist*Innen, die sich für Körperakzeptanz und Selbstliebe einsetzen, präsent, zum Beispiel Caterina Pogorzelski und Silvana Denker. Sie nutzen ihre Plattformen, um auf Diskriminierung aufmerksam zu machen, persönliche Geschichten zu teilen und ihre Follower*Innen zu ermutigen, sich selbst und ihren Körper zu lieben. Sie möchten beide durch ihre Beiträge dazu auffordern, sich auf Gesundheit und Wohlbefinden zu konzentrieren, statt immer nur von Diäten und Gewichtsveränderung gesteuert zu werden.

Das bedeutet nicht, dass die Influencer die Vereine ersetzen können. Influencer schaffen es durch ihre Reichweite, Individuen zu beeinflussen, Vereine dagegen können durch ihre Gemeinschaft politischen Einfluss nehmen.

Aber wo stehen wir nun wirklich?

Eine der Herausforderungen für Bewegungen für Menschen mit Übergewicht, die Selbstakzeptanz fördern, ist die Tatsache, dass viele Übergewichtige unzufrieden mit ihrem Körpergewicht und Aussehen sind. Warum sollten sie also dafür kämpfen, angenommen zu werden, wenn sie sich selbst nicht annehmen können? Trotzdem ist genau das der Grund, warum solche Communities notwendig sind.

Es ist immens wichtig, unabhängig von Gewicht und Aussehen, ein gesundes Verhältnis zum Körper zu entwickeln und gleichzeitig die Bedeutung von Gesundheit und Wohlbefinden zu steigern, die nicht zwangsläufig mit Gewichtsreduktion verbunden wird. Eine Body Positivity Bewegung dient als Safe Space für mehrgewichtige Menschen, die in ihrer jeweiligen Biographie meist schon mindestens einmal Bodyshaming und Fat Phobie ausgesetzt waren. Für Betroffene von Diskriminierung kann es sehr heilsam sein, angenommen zu werden und den Fokus weg von Gewicht und Körper hin zu Selbstakzeptanz zu verändern.

Dennoch lässt sich nicht verleugnen, dass wir in all den Jahren nicht viel weiter gekommen sind. Fortschritte gibt es genau durch diese Influencer, die einen anderen Weg zu jungen Menschen finden. Ein Beispiel ist hier auch die Eiskunstläuferin Zoe Flindris, die sich nicht mehr wie früher dem Schlankheitswahn aussetzt und dennoch supersportlich ist. Damit tut sie wahrscheinlich mehr für die Body Positivity-Bewegung als jede Vereinssitzung. Und dennoch ist es noch ein weiter Weg zu gehen.

Dicke dürfen gar nichts, noch nicht mal geliebt werden!

Foto von Ravi Sharma auf Unsplash

Ich habe aktuell frei und saß neulich bei einem Kaffee zuhause, in Erwartung von etwas Entspannung und Ruhe. Dann habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe seit Längerem mal wieder Twitter geöffnet. In meinem Feed wurde mir ein Foto angezeigt: Ricarda Lang von den Grünen hat sich verlobt. So weit, so schön. Doch dann habe ich den nächsten Fehler gemacht: Ich habe mir die Kommentare durchgelesen. Wider besseren Wissens und obwohl ich schon ahnte, was sich in der Kommentarspalte abspielt. Es war schlimmer, als ich dachte und den Kaffee hätte ich danach nicht mehr zum wach werden gebraucht.

Es gab Glückwünsche, keine Frage. Aber es gab auch andere Stimmen: Kommentatoren (Ich habe viele Kommentare gelesen, es waren allesamt Männer) führten politisches Versagen als Grund an, dass man Frau Lang auch persönlich kein Glück wünsche. Und es gab die zynischen Wünsche, mit dem neuen Eheglück könnte ein Rückzug aus der Politik verbunden sein, was das Beste für alle sei. Ich befürchte, mit diesen Kommentaren müssen politisch aktive Menschen dieser Tage fast rechnen, wenn sie etwas Privates ins Netz stellen. Womit ich nicht gerechnet habe, war die Härte der Kommentare, in denen es um Ricarda Langs Körper ging. Denn sie ist dick, unübersehbar. Das ist nichts Schlimmes, sie hat einen runden Körper, auf dem ein kluger Kopf sitzt. Sie ist eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und hat sich erdreistet, auch privates Glück zu haben und das zu zeigen. Wie im Übrigen auch andere Politiker*Innen, man erinnere sich an die wochenlange Hochzeits-Soap auf Sylt rund um Christian Lindner und „seine“ Franca. (Frauen ändern oftmals ihren Nachnamen und bekommen ein Possessivprononomen, denn sie sind nun irgendwems Frau, aber das ist ein anderes Thema)

Ricarda Lang hat es doch tatsächlich geschafft, geheiratet werden zu wollen, sapperlott. Auf dem Foto sieht man im Hintergrund auch Ihren Partner Florian Wilsch, der auch schon in früheren Posts manchmal in Erscheinung trat. Er ist schlank und das läge laut eines Kommentars natürlich daran, dass Frau Lang ihm alles weg isst. Generell ereifern sich viele Kommentaren, dass der Verlobung sicher keine freiwillige Entscheidung zugrunde liegt, Florian Wilsch sei sicher gezwungen wurden, weil er nicht mehr rechtzeitig habe wegrennen können. Ein anderer Kommentator wünscht sich, dass die Twittergemeinde bei dem Moment dabei sein darf, wenn der Verlobte sie nach der Hochzeit über die Schwelle trägt. Das waren noch die harmloseren Kommentare, dennoch perfide und menschenverachtend, keine Frage.

Warum ist ein runder Körper immer Thema?

Ricarda Langs Dicksein bestimmt die Kommentare und es bestimmt (laut der Kommentare) auch ihren Anspruch auf persönliches Glück, ihre Kompetenz und ihre (öffentliche) Existenz. Ich habe mir weitere Posts angeschaut und Kommentare gelesen, auch da: Es geht immer um ihr Gewicht. Ihr Erscheinungsbild determiniert die Eigenschaften, die Menschen auf sie projizieren: Faul, inkompetent, unglücklich, langsam und natürlich selbst schuld an der Misere, dick zu sein. Die gesellschaftlich tief verankerte Fettphobie, die heute ganz schamlos öffentlich kommentiert wird. Zu diesem Schluss kommt auch eine Studie aus dem Jahr 2012, die gar von einer „doppelten Last“ spricht, der mehrgewichtige Menschen ausgesetzt werden: Gesellschaftliche Stigmata, die dann psychische Erkrankungen verstärken, statt, wie man wohl früher annahm, zum Abnehmen motivieren.

Ein Verlobungsbild passt in keine dieser Schubladen. Ricarda Lang passt generell nicht in diese Schubladen, denn obwohl man politisch mit ihr nicht übereinstimmen muss, kann man keiner Berufspolitikerin Faulheit oder Behäbigkeit vorwerfen. Zur Bundesvorsitzenden einer Partei wird man auch nicht einfach so gewählt, ohne kompetent zu sein. Es hat mich nicht überrascht, solche Kommentare zu lesen, ich hatte nur auf weniger gehofft.

Ich habe Twitter wieder geschlossen, dieser virtuelle Ausflug hat mich jedoch mehr als die Dauer eines Kaffees beschäftigt.

Sind wir wirklich erst so weit gekommen?

Zugegebenermaßen hinterlässt uns diese ganze Anekdote traurig, wütend und mit dem Gefühl, dass sich noch gar nichts geändert hat. Sind Body Positivity und Size Inclusivity doch nur Phänomene einer kleinen, naiven Bubble, die sich die Größe Ihrer Bewegung schönredet?

Ich möchte mit einem entschiedenen „NEIN“ dagegen halten. Es hat sich schon etwas getan, es ist eine Bewegung und es wird vor allem unaufhaltsam sein. Weil wir runden Menschen existieren, weil wir den Platz einnehmen, der uns zusteht. Und zwar in allen Bereichen des Lebens: Wir tragen die Klamotten, in denen wir uns wohl fühlen, wir machen Sport (weil wir Bewegung lieben und nicht zwangsläufig abnehmen wollen), wir werden Politiker*In und wir lieben und verloben uns, wie wir das möchten. Wir machen alles, wonach uns ist. Kurzum: Wir erobern uns alle Bereiche, nicht weil wir rund sind, nicht trotz unseres Körpers. Sondern einfach mit unserem Körper, der unser wertungsfreies Vehikel sein darf, das uns überall dort hin bringt, wo wir sein wollen. Uns fehlt es noch an Vernetzung, schambefreitem Austausch und wir müssen öfter laut sein, damit sich was ändert. Aber hey: Wir haben gerade erst angefangen.

Was, wenn es ein Medikament gegen Übergewicht gäbe?

Ein Medikament gegen Übergewicht – utopisch? Nein, ist es nicht. Denn nun gibt es ein solches Medikament. Wegovy ist noch nicht in Deutschland erhältlich, der Wirkstoff aber schon, zum Beispiel in Medikamenten gegen Prädiabetes (siehe auch die Apotheker-Zeitung, klar, dass die sich über sowas freuen). Ein „Game Changer“, so wird die Spritze dort bezeichnet, und der SPIEGEL berichtet, dass manche Experten vor lauter Begeisterung über das neue Wundermittel aus Versehen vergessen haben, dass sie eine Zahlung vom Hersteller Novo Nordisk erhalten hatten. Den Konzern haben sicherlich die meisten Angepummelten schon mal irgendwo in der Werbung gesehen…

Novo Nordisks Aktienkurs steht heute im März 2023 bei 130€, ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 35, keine günstige Aktie. Mit einer Dividendenrendite von über 2 nicht uninteressant, aber eine leichte Überbewertung ist schon drin. Kein Wunder, wenn genau diese Firma das neue Diät-Wundermittel auf den Markt bringt. Ich hatte schon einmal darüber geschrieben, Diäten bringen Geld, und so werden wir zum Teil krankgestempelt, damit eine Pille verkauft werden kann. Wir sind hier aber bei einer neuen Liga angekommen. 4 Spritzen für umgerechnet über 1.000€, wobei wir den lokalen Preis noch nicht kennen. Das Zeug wird nicht auf dem Wühltisch verkauft, und nicht jeder wird es sich leisten können. Momentan ist es eine Jetset-Droge. Unklar ist, was die Langzeitwirkungen der Spritzen sind und ob der Effekt nicht irgendwann nachlässt. Und ja, man muss das Zeug regelmäßig spritzen, denn sonst nimmt man wieder zu, weil man ja nicht gelernt hat, sich anders zu ernähren.

Egal, ein paar Jahrzehnte weiter, das Patent wird auslaufen, und dann gibt es Generika. Dann kann sich fast jeder die Spritzen leisten, und nur die ganz Armen werden fett bleiben müssen. Der Rest hängt an der Nadel, zwar nicht für Kokain oder Heroin, aber eben für das Mach-mich-schlank-Serum.

Werden dann alle Probleme gelöst sein? Nein. Wir werden weiterhin gefühlte Defizite haben. Nase zu groß, X-Beine, Beine immer noch zu dick im Vergleich zur Hüfte, egal was. Und auch dafür wird es Lösungen geben. Aber eines wird es nicht geben: Akzeptanz. Wir spritzen uns den Körper zurecht, wie es ein fremdes Leitbild vorgibt, aber nicht wie unser Körper nunmal gebaut ist. Die Unzufriedenheit, dass der Körper nicht normschön ist, kommt nicht aus einem selbst. Sie kommt aus dieser Industrie, die mit unserer Unzufriedenheit Geld verdient. Sie macht uns unzufrieden, damit sie ihre Produkte verkaufen kann. Wie werden wir diesen Teufelskreis durchbrechen?

Nicht nur ein dickes Fell: Online-Dating als runde Frau

In Single-Zeiten überlegt man sich irgendwann andere Möglichkeiten, jemanden kennenzulernen, wenn man schon nicht im Supermarkt gleichzeitig mit dem Seelenverwandten nach der selben Packung TK-Spinat greift. Zack, Boom, und sie lebten glücklich bis ans Ende Ihrer Tage…

Ich habe also ganz klassisch Dating-Apps ausprobiert, Tinder, Bumble, OkCupid und Co. mal mehr, mal weniger enthusiastisch betrieben. Dabei gab es einige wiederkehrende Muster in Bezug auf (meinen) runden Körper, über die ich schreiben möchte. Und ich rede jetzt nicht von Dickpics. Die gab es auch, aber das ist wohl ein Thema für einen ganz eigenen Blog.

Was man grundsätzlich sagen kann: Ich habe mir irgendwann ein sehr dickes Fell zugelegt, denn Online-Dating ist meiner Ansicht nach nur etwas für wirklich gefestigte, in sich ruhende und selbstbewusste Persönlichkeiten. Ich kenne auch Paare, die sich online gematcht haben und es wurde das große Happy End, aber ich kenne viel mehr Horror-Stories und in einigen war ich unfreiwillige Protagonistin.

Alle Plattformen, egal, wie sehr sie betonen, es ginge um die Persönlichkeit, sind oberflächlich. Und natürlich lädt man selbst Fotos hoch, die einen im bestmöglichen Licht zeigen. Die Oberflächlichkeit ist nachvollziehbar, in einer Bar als DEM klassischen Flirt-Beispiel spricht man ja auch eher jemanden an, der einem auf den ersten Blick optisch gefällt. Als runde Frau trage ich den offensichtlichen „Makel“ schon mit mir herum, ich bin eben nicht schlank. Ich bin rund, muskulös und eher kompakt. Das sieht man auch auf Bildern, selbst wenn ich einen Aufnahmewinkel und ein Outfit wähle, die mich sehr viel dünner aussehen lassen. T. kennt solche Bilder, allerdings schicke ich ihm viel lieber die ungestellten, authentischen Versionen. 🙂

Meine bloße Existenz zog schon die absurdesten Kommentare an, es ergaben sich die seltsamsten Situationen und es gab nicht nur einmal sehr widerliche und schmerzhafte Erlebnisse. Obwohl ich kein Fan von Schubladen-Denken bin, habe ich die folgenden Gruppen identifiziert. Mit ein bisschen Abstand zu dem ganzen Zirkus fällt mir das leichter, denn seit einigen Monaten nutze ich diese Plattformen nicht mehr. Das entspricht natürlich meiner rein subjektiven Wahrnehmung, die nur auf anekdotischer Evidenz beruht, aber hey, irgendwo muss man ja anfangen.

Gruppe 1: Die Fat-Shamer

„Ih, mit ner Fetten will ich nicht!“ oder „Oh, sorry, Du bist gar nicht mein Typ, ich stehe nur auf dünne Frauen. Das Match war ein Versehen!“, sind da noch die harmlosere Variante. Wieso man dann überhaupt matcht, bleibt mir ein Rätsel, aber es gibt ja auch Leute, die Hasskommentare auf Facebook schreiben. Wenn das Match nicht direkt aufgelöst wurde, habe ich das gerne ausführlich kommentiert, denn auch von irgendeinem Tinder-Ingo lasse ich mich nicht niedermachen. Andere Varianten: „Du hast echt ein hübsches Gesicht, aber…“. An meinem Körper gibt es kein Aber. So redet niemand über ihn. Ende der Diskussion.

Vor dem Match kann man diese Exemplare manchmal durch Ihre Profilbeschreibung erkennen, denn da schreiben sie direkt und unverblümt, dass sie auf schlanke, sportliche Frauen stehen, manchmal geben sie sogar ein Höchstgewicht an oder haben die klare Forderung: „Bitte sei nicht adipös, ich will dich über die Schwelle tragen können“. Ob sie jedoch eine Frau finden, die 15 Kilo wiegt? I doubt it. 😉

Gruppe 2: Die heimlichen Fans

Der Chat fängt meistens harmlos an, wird dann schnell flirty. Insbesondere vermeintliche Komplimente sind Teil des Gesprächs, kombiniert mit einem Fragenhagel über Vorlieben und wann das „letzte Mal“ denn gewesen sei. Es mutet immer ein bisschen an, als verstünden sich diese Männer als Retter der Dicken, denn schließlich kann das ja sonst niemand gut finden. Ein persönliches Treffen wird sehr schnell angepeilt, was sich grundsätzlich gut finde, denn es muss ja auch im echten Leben passen. Wenn ich einen öffentlichen Ort vorschlage, dann kommt von Gruppe 2 meistens ein Gegenvorschlag, man könnte ja auch ganz gemütlich Zuhause einen Wein trinken und was kochen. Schöne Idee, aber nicht beim ersten Date, das lernt man recht schnell. Manche sind dann direkt beleidigt und brechen das Ganze mit großem Getöse ab, man könnte sich ja vertrauen. Die anderen lassen sich widerwillig drauf ein oder der Kontakt schläft ein. Kommt es doch zu einem Treffen, sind sie plötzlich ganz kleinlaut oder es ist relativ schnell klar, dass daraus nichts Ernstes wird, sondern das auf einem rein sexuellen Interesse beruht. Das ist ok, wenn beide mit offenen Karten spielen, und zugegebenermaßen hat es manchmal viel zu lange gedauert, bis ich das verstanden habe. Weitere Treffen finden eher heimlich statt, bloß nicht in der Öffentlichkeit, so groß ist das Selbstbewusstsein dann doch nicht. Oft prahlen diese Männer damit, dass Ihre Ex ja Model sei, so schlank und so krass hübsch, aber Ihnen das ja nicht so wichtig sei, „echte Frauen“ mit Kurven gefielen Ihnen ja eigentlich besser. Als ob sie mir als der runden Frau noch mehr zu verstehen geben, dass ich dankbar und glücklich sein kann, in Anbetracht der Konkurrenz, die auch um dieses Premiumexemplar Mann buhlt. Ich habe über die Zeit einen Satz identifiziert, der die Gruppe 2 entlarvt, er fällt meistens recht früh in der Konversation: „Und, was suchst Du hier so?“ Sie vergewissern sich, dass sich hier bloß nicht verliebt wird und wenn es emotionale Befindlichkeiten geben SOLLTE, können sie sich schnell auf den Standpunkt zurückziehen, dass sie das ja von Anfang an gesagt hätten, eigentlich nur „alles auf sich zukommen lassen zu wollen“. Während des Kontakts geht es oft um Körperlichkeit, häufig um (meinen runden) Körper und es gefällt Ihnen ganz offensichtlich sehr gut, das sagen sie direkt. Manchmal wirkt diese Begeisterung wie eine Besessenheit auf mich, weil es nur noch darum geht. Ich bin rund, aber ich bin mehr als das und wenn ich das Gefühl habe, letzteres wird irrelevant, habe ich keine Lust mehr. Irgendwann bricht der Kontakt (abrupt) ab, sie tauchen unter und sind nicht mehr zu erreichen. Ghosting ist ein großes Problem in der schnelllebigen Dating-Welt und egal, wie selbstbewusst man ist, es ist immer eine sehr unangenehme Weise, abserviert zu werden.

Gruppe 3: Die heimlichen und vergebenen Fans

Eigentlich sind sie genau wie Gruppe 2, aber vergeben. Und nein, wir reden hier nicht über eine offene Beziehung, wir reden hier von Betrug. Sie möchten gerne mal was ausprobieren, auch mal „mit ner Dicken“ schlafen und stehen da vielleicht schon sehr lange drauf. Online findet sich viel leichter und heimlicher jemand. Plötzlich ergibt alles Sinn, die verhaltenen Antworten, die sporadischen Treffen, die Ungereimtheiten. Woher ich das so genau weiß? Nun, ich habe es manchmal später herausgefunden oder direkt gefragt und es dann kleinlaut bestätigt bekommen. Autsch, für die Partnerin und mich.

Gruppe 2 und 3 haben übrigens noch eines gemeinsam: In sehr vielen Fällen melden sie sich wieder, manchmal Jahre später. Wollen anknüpfen und geloben Besserung. Sind frisch getrennt und wollen es nochmal versuchen, weil sie es nicht vergessen konnten, „was wir hatten“. Ich weiß mittlerweile, dass das nichts mir mit zu tun hat, nichts daran schmeichelhaft ist und ich niemanden brauche, der meinen Wert erst viel später erkennt.

Gruppe 4: Die ehrlichen Fans

Es gibt auch Männer, die kein Geheimnis daraus machen, auf dicke Frauen zu stehen, das auch öffentlich zeigen wollen und sich nicht nur heimlich dazu bekennen. Das finde ich sehr gut. Wir alle haben Präferenzen, stehen auf den ein oder anderen Fetisch und haben gelernt, was uns bewegt und was nicht. Wenn jemand klar kommuniziert, bin ich ein großer Fan davon, schließlich ist das die Ebene für all das, was kommt, wenn man sich kennenlernt. Daran ist nichts verkehrt oder verwerflich, ich bin nunmal eine runde Frau, einen Partner zu haben, der das gut findet: yes, please! Man trifft solche Männer eher selten, manchmal haben sie in der Bio schon einen Hinweis versteckt.

Wenn ich mir eines für runde Frauen wünschen könnte, dann bitte mehr Männer wie in Gruppe 4, wertschätzende Absagen und Respekt, denn Dating bedeutet immer, auf Menschen zu treffen, mit Gefühlen, Ängsten und einer Seele, die nicht durch zwei mal falsch gewischt gebrochen werden darf.

Und was habe ich daraus gelernt?

Ich schreibe das auf, weil es vielen Menschen so geht, egal ob sie rund sind oder aus anderen Gründen nicht der Norm entsprechen. Ich weiß, dass viele Menschen wirklich fies sind, wenn sie sich anonym wähnen. Dass Menschen schamlos lügen und dass sie sich die absurdesten Geschichten ausdenken, anstatt ehrlich zu sein. Ich habe gelernt, dass viele, vielleicht sogar die meisten Menschen, nicht zu mir passen und dass das okay ist. Für mich ist es wichtig, darüber zu sprechen, denn lange Zeit waren mir diese Geschichten peinlich und ich dachte, dass es ja nur an mir liegen könne. Schließlich hatten alle Matches eine Sache gemeinsam: Mich! Das Narrativ in meinem Kopf war also, dass ich auch das Problem bin.

Ich weiß mittlerweile, dass ich niemanden dazu zwingen kann, in meinem Leben zu bleiben, indem ich besonders unkompliziert bin oder mein Allerbestes gebe, immer im besten Licht zu erscheinen. Damit ist Schluss, das gilt für alle Beziehungen in meinem Leben, seien es Freundschaften oder Liebesbeziehungen: Wer in meinem Leben eine Rolle spielen möchte, ist herzlich eingeladen. Come as you are!

Die Verkäufer-Geheimverschwörung

Natürlich gibt es keine Geheimverschwörung. Aber manchmal kommt es mir so vor. Wovon rede ich? Vom Klamotteneinkaufen. Die Situation: Ich gehe in irgendeinen Laden, vielleicht um eine Jeans zu kaufen, das Modell, das mir immer gut gepasst hat, das gibt es nicht mehr, und der Verkäufer gibt mir irgendetwas, was gerade „in“ sein soll.

Ich hasse Umkleidekabinen, das grelle Licht, die Enge, die Situation generell. Ich probiere die Jeans an, kriege sie gerade so zugeknöpft, fühle mich wie die Wurst in der Pelle, und am liebsten würde ich jetzt flüchten. Doch dummerweise brauche ich eine neue Jeans. Und da kommt schon der Verkäufer: „Und, passt sie?“ Ich schiebe den Vorhang beiseite, er mustert mich beziehungsweise den Sitz der Jeans und sagt „Na, passt doch, hab ich doch gleich gesehen, dass das DEINE Größe ist.“ Mir ist es zu peinlich zu sagen, dass ich mich darin nicht wohl fühle, auch weil ich anscheinend eine Größe mehr brauche als zuvor. „Ich frage mich, ob ich die nicht ein bisschen weiter kaufen sollte, die ist so eng an den Beinen, was im Büro nicht so gut aussieht.“ „Ach Quatsch, das trägt man jetzt so, weiter würde ich sie nicht kaufen.“

Und klar, vielleicht ist die Jeans auch eine gute Erinnerung daran, dass ich ein bisschen weniger zulangen sollte. Eine gute Motivation, abends vielleicht doch mal nix zu essen. Ich gehe zur Kasse und bin froh, als ich endlich draußen bin. Die Jeans wasche ich brav, nachdem ich nach Hause gekommen bin, am nächsten Tag kommt sie in den Schrank, wo sie die nächsten Monate ungetragen neben dem leicht zu engen Jacket hängt, ganz nah bei den Hemden, die ein bisschen zu sehr spannen an der Hüfte. Irgendwann verschenke ich sie, weil ich dafür eh kein Geld bei ebay kriege.

Wie viel Geld hängt in Deinem Schrank, dass Du später verschenkst? Wie oft hast Du Dich dazu überreden lassen, doch nicht eine Nummer größer zu kaufen? Oder wie oft hast Du etwas gekauft, nur um endlich schnell aus dem Laden fliehen zu können? Vielleicht gibt es sie doch, die Geheimverschwörung der Klamottenverkäufer und der Diätindustrie. Die Kleidung wird ein bisschen zu klein verkauft, damit die nächste sinnlose Diät verfolgt werden kann, deren Misserfolg dazu führt, dass man sich wieder was Neues zum Anziehen kaufen muss, nun vielleicht doch eine Nummer größer.

Size doesn’t matter?

Foto von Daria Volkova auf Unsplash

Ich stand die Tage neben einer Frau, die sich ein T-Shirt kaufen wollte. Sie probierte zwei Größen des Shirts an und sagte eher beiläufig: “Das Problem sind immer meine Schultern…”

Ich habe nicht nachgedacht und zu ihr gesagt, dass das Problem sicher nicht ihre Schultern seien, mit denen ist alles ok. Das Problem seien höchstens die Shirts, die in Größe und Schnitt nicht passten. Da wir uns nicht kannten, war sie etwas verdutzt und um ehrlich zu sein: Ich auch. Ich hatte gerade einer wildfremden Person etwas über ihren Körper gesagt. Ungefragt, aus einem Reflex heraus. Es triggert mich, dass sie ihren Körper als Problem empfand. Und genau daher kommt meine schnelle Reaktion: Insbesondere Frauen kaufen Klamotten meistens ein, um irgendwas zu kaschieren, zu verstecken, zu strecken, zu optimieren oder sich im besten Fall unsichtbar zu machen, wenn gar nichts hilft. Ich kenne das selbst, würde meine Shopping-Erfahrung mit Freundinnen eher als anekdotische Evidenz anführen wollen, aber mir fällt eines auf: Das Angebot auf den Kleiderständern wird nach Schnitt, Stoff, Farbe und Größe gescannt, weniger danach, was einem wirklich gefällt. Weil wir alle diese Mythen im Kopf haben, von denen man sich, und ich schließe mich ein, nicht so einfach freimachen kann: Schwarz macht schlank, Querstreifen machen dick, V-Ausschnitt streckt und bitte keine Streublümchen unter einer Körpergröße von 1,62 m. Und wenn man dann unter Berücksichtigung aller Kriterien ein paar Teile gefunden hat, kommt der wirklich unangenehme Part erst noch: Anprobe in der Kabine.

Abgründe tun sich auf. Nicht nur, weil das Licht wenig schmeichelt, das ganze eng und stickig ist und einem dabei heiß und kalt wird, sich zu entblößen und sich dann der Wahrheit zu stellen: Gehe ich heute mit einer Jeans nach Hause oder ist Weinen auch noch eine Option?

Meistens nehme ich, wenn ich überhaupt noch in Läden einkaufe, alle Klamotten in mehreren Größen mit, denn auf die Zahl auf dem Schild kann ich mich nicht verlassen. Ich bin knapp 1,60 groß, rund und kurvig und habe Kleidung verschiedener Marken von Konfektionsgröße 38 (ein schwarzer Mantel) bis 54 (eine Jeansjacke) im Schrank. Der größte Witz ist ein Pulli in XS. Wohlgemerkt alles Kleidung, die mir gleichzeitig passt, nicht etwa alte Teile, in die ich mal reinpasste. Wonach soll ich also gehen, wenn ich etwas kaufe? Meistens verlasse ich mich auf meine Augen, aber je nach Material, Kleidungsstück und Passform ist das hinfällig. Ein Beispiel: Ein Kleid der Größe 44 aus einem Stoff ohne Stretch passt mir vielleicht oben und ziemlich sicher unten um den Hintern nicht. Ist es unten ausgestellt, könnte es klappen, wenn es keine engen Ärmel hat, denn da ist es dann auch wieder zu eng. Von anderen Marken sieht die Sache dann auch wieder anders aus, ein ähnliches Kleid ist dann viel zu weit oder ich komme noch nicht mal mit dem kleinen Zeh rein. In manche Läden gehe ich einfach gar nicht, da ich schon weiß, dass mir da nichts passt, bei anderen Marken kenne ich grob meine Größe. Es ist frustrierend und selbst an den selbstbewusstesten Tagen kann einem das die Laune vermiesen, denn ganz automatisch denkt man: Was stimmt nicht mit mir? Bin ich so komisch, dass mir nichts passt? 

Nein! Es hilft, sich ein bisschen mit Kleidergrößen auseinanderzusetzen: Kleidergrößen unterscheiden sich regional und sind nicht genormt. Wenn man alle Informationen dazu liest, kann man zusammenfassen: Es gibt grobe Vorgaben, wo und wie gemessen wird, danach hört es auch schon auf mit der Einheitlichkeit und alle Hersteller können machen, was sie wollen. Dass es verschiedene Stoffe, Anwendungsbereiche und Arten von Klamotten gibt, macht es nicht einfacher, denn natürlich sind die Messungen für einen gut sitzenden BH total anders als für eine Bluse. 

(Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Konfektionsgr%C3%B6%C3%9Fe, Stand 19.02.2023)  

Was heißt das nun für Verbraucher*Innen? Wir bestellen mehr online, wir schicken demnach auch immer mehr zurück (und tragen dazu bei, dass Online-Shopping teurer wird), weil es uns nicht passt und so genau weiß eigentlich niemand, welche Größe er oder sie trägt. Wir fischen im Trüben bei so etwas Banalem wie Klamotten. Ein bisschen Stoff knechtet uns, hat Einfluss auf unsere Laune und unser Wohlbefinden. Sollte es aber nicht eigentlich umgekehrt sein? Sollten Klamotten eher uns passen, nicht wir den Klamotten?

(https://time.com/how-to-fix-vanity-sizing/)

Hinzu kommt: Über die Jahre haben sich Konfektionsgrößen verändert, da Hersteller gemerkt haben, dass Menschen größer werden, aber dennoch kleine Kleidergrößen bevorzugen als das böse L oder XL. Large ist die Stoff gewordene Todsünde Völlerei, daher wird mit dem sogenannten “Vanity Sizing” seit den 1980ern entgegen gesteuert: Größen werden dahingehend verändert, im wahrsten Sinne des Wortes ausgeweitet, sodass größere Menschen in kleinere Größen passen. Eine Größe S heute war noch in den 50er Jahren eine Größe M oder L. 

(ebda.)

Im Übrigen beruht zu Teilen darauf auch der Mythos, dass Marilyn Monroe eine Größe 44 trug und eine “kurvige” und demnach ”richtige” Frau war und nicht so mager wie die heutigen Models. Das ist eine Urban Legend bzw. quasi ein Übersetzungfehler: Viele Ihrer Kleider sind gut erhalten und können ausgemessen werden, sie trug ungefähr eine Größe 34-36 nach heutigen Größen. Nach damaligen Größentabellen war es eine Größe 42-44, was aber nichts darüber aussagt, wie schmal sie wirklich war. Aufgrund ihrer Sanduhr-Figur wird sie missverständlicherweise als kurvig oder sogar eher dick wahrgenommen, was absolut nicht der Wahrheit entsprach.

(https://www.forbes.com/sites/katehardcastle/2021/07/07/marilyn-monroes-dress-size-myth-why-fashion-must-size-up/?sh=5e849a0640c9)

Und was machen wir nun?

Einfach ist es nicht, denn die Sache ist perfide. Wir alle müssen ja etwas anziehen. Die Konzentration darauf zu lenken, wie sich ein Kleidungsstück anfühlt, wie es sitzt und wie es gefällt, kann helfen. Das ist eine Übung, die man ständig wiederholen muss, denn manchmal beschleicht einen trotz besseren Wissens noch immer ein kaum erklärbares Glücksgefühl, in eine kleinere Kleidungsgröße reinzupassen. 

Kleidung muss gar nichts. Nicht (anderen) gefallen, nicht vorteilhaft sein, keine bestimmte Größe haben, nur, damit wir uns besser fühlen. Wenn wir das verinnerlichen, kann uns das freier machen, als sich dem Größenkampf zu stellen, den wir gar nicht gewinnen können. Denn wenn man mal genauer hinsieht, wird klar: Size really does not matter.

Es gibt keine wichtigeren Themen in der Welt als Übergewicht

So scheint zumindest DER SPIEGEL zu denken, denn die Ausgabe 06/2023 hat Übergewicht als Titelthema und behandelt im Heft die „schreckliche“ und „unaufhaltsame“ Verfettung Deutschlands. Anders kann man wahrscheinlich auch die Priorisierung dieses Themas nicht rationalisieren und rechtfertigen, denn schließlich gibt es auch pressierende Themen wie Krieg in Europa, Verfehlung der Klimaziele, Massenentlassungen, Inflation und, nun ja, wir wollen hier ja auch keine schlechte Laune verbreiten, oder? Also, Übergewicht ist so wichtig, dass es all diese Themen von der Titelseite verdrängen kann.

Vielleicht liegt es ein wenig auch daran, dass der Monat der guten Vorsätze und der Fitness-Center- und Weightwatchers-Anmeldungen gerade vorbei ist und man diese gute Opportunität verpasst hat? Oder man denkt sich, dass genau jetzt der richtige Moment ist, das schlechte Gewissen wieder aufzuwärmen, weil wir doch wissen, dass die meisten es eh nicht geschafft haben durchzuhalten. Mit dem Titel, dass man ja kaum was dagegen tun kann, hat man ja auch fast die Entschuldigung mit dazu gekauft.

Oder man denkt sich in DER SPIEGEL-Redaktion, dass ein weiterer Titel über die anderen Krisen der Welt das Ohnmachtsgefühl des Einzelnen nur noch verstärkt. Klar, der Einzelne kann wenig tun gegen den Krieg, die Entlassungen der Konzerne usw. Also lieber ein Thema auf den Titel packen, dass die Menschen an ihre gefühlten und von den Medien verstärkten Defizite erinnert, sozusagen eine mediale Booster-Impfung gegen das Sich-damit-Abfinden oder vielleicht sogar Selbstbewusstsein-Entwickeln: Übergewicht kann man in den Griff kriegen, zwar „kaum“, aber wenn Du dieses Heft kaufst, dann schon. Wir, die Spiegel-Redaktion, wir „enablen“ Dich, Dein fettes Leben wieder auf die Schmalspur zu lenken.

Bringt das Heft neue Erkenntnisse, wenn man dem Thema schon einen ganzen Titel widmet? Nein. Gesunder Lebensstil. Wenn das nicht hilft, dann eine Magen-OP. Gesunde Ernährung braucht Zeit und Geld, haben viele nicht, ist also auch politisch. Doch an einer Stelle über Dr. Mareike Awes Diätprogramm „Intueat“ wird der Artikel auch mal ehrlich:

„Auch die Teilnahme an Awes Programm kostet mehrere Hundert Euro, die Marketingtricks unterscheiden sich kaum von denen der Diätindustrie, die Awe mitunter scharf kritisiert. »Intueat« wirbt mit »100.000 erfolgreichen Teilnehmerinnen«. Nach Angaben der Pressestelle haben bislang tatsächlich 93.000 Menschen das Programm begonnen, 95 Prozent von ihnen seien Frauen. Bis zum Ende halte allerdings nur etwas mehr als ein Drittel durch.“

Warum wir immer dicker werden – und kaum anders können, Spiegel 6/2023

Und kurz davor heißt es:

„Dabei ist der Abnehmmarkt so etwas wie der Antagonist des noch größeren Markts der Verführung: der Lebensmittelindustrie mit ihrer Werbemacht, dem Diktat der Preise und den versteckten Zutaten. Dick werden ist billig und leicht. Abnehmen schwer und teuer.“

wie oben

Nicht erwähnt wird, dass nicht nur für die Lebensmittel- und die Diät-Industrie viel Geld zu holen ist und dementsprechend Marketing-Tricks eingesetzt werden, sondern dass auch die Medien viel Geld damit machen. Wie DER SPIEGEL mit diesem Titel.

Barbara Butch: Haters will hate

Hintergrund: In der Kultursendung “Twist” bei Arte ging es in der Ausgabe vom 22. Januar 2023 um Body Positivity in der Kunst. Es kam auch die französische DJ Barbara Butch zu Wort, die als mehrgewichtige, lesbische und jüdische Frau für Sichtbarkeit und Toleranz steht. Butch ist auch ein Jean Paul Gaultier-Modell (Es ist nicht das erste Mal, dass Gaultier Plus Size Models zeigt, so war Beth Ditto bereits für ihn auf dem Laufsteg, und er half ihr bei ihrer eigenen Plus Size-Kollektion):

Unter dem Instagram-Beitrag zur Sendung gab es zahlreiche Hasskommentare, die Barbara Butch diffamieren, Ihren Körper beleidigen und Ihren Einsatz für Body Positity mit der Glorifizierung eines ungesunden Lebensstils gleichsetzen.

Darüber haben wir uns unterhalten.

T: Lass uns einen Artikel schreiben über die Instagram-Kommentare, die zu Barbara Butch und dem Beitrag geschrieben wurden. Es ist wirklich krass. 

I: Ich habe einige Kommentare gelesen, nicht alle, ich konnte irgendwann nicht mehr weiterschauen. Es ist unfassbar traurig.

T: Was macht Dich traurig?

I: Es schockiert mich so sehr, dass gerade unter einem Arte-Beitrag so viel Dummheit zu finden ist. Irgendwie war ich zu naiv, ich dachte, gerade bei Arte istsei die Followerschaft tolerant und aufgeklärt. Aber wenn ich lese, dass Butch abnehmen solle, weil sie sicher krank und unglücklich sei und das ein solcher Lebensstil durch Fernsehbeiträge verherrlicht werde, dann weiß ich gar nicht, wo man da anfangen soll. Wie liest Du die Beiträge? Was machen sie mit Dir?

T: Ich fremdschäme mich vor allem. So viel Dummheit. So viel Respektlosigkeit. Natürlich muss man sie nicht schön finden. Ich finde sie schön, aber ich finde auch Kate Moss schön. Ich finde, dass sich Schönheit nicht an einer Zahl festmachen lässt. Leben und leben lassen. Ich denke, dass die meisten Kommentatoren andere Probleme haben, die sich durch ihre Beiträge äußern.

I: Body Positivity steht für Toleranz und Respekt gegenüber allen Menschen, egal, wie sie aussehen oder wie sie leben. Barbara Butch existiert, sie sagt nicht, dass alle Menschen fett werden müssen. Sie sagt auch nicht, dass ihr Lebensstil der bessere sei. Wieso fühlen sich Leute von ihrem dicken Dasein so angegriffen? 

T: Weil es provoziert. Weil es anders ist. Aber, auch wenn es traurig ist, die ersten, die ihr Anderssein offen zeigen, ohne sich zu schämen, zahlen häufig einen Preis. Die ersten Frauen, die für Gleichberechtigung kämpften. Die ersten Homosexuellen. Aber sie stoßen einen Prozess an. Und der ist wichtig. Wir können Barbara nur dankbar sein, dass sie diesen Mut hat.

I: Was mich besonders traurig gemacht hat, waren die Kommentare, dass ihr sicher ein Bein abfällt, weil sie so dick ist. Oder dass die Evolution “schön” und “gesund” gleichgesetzt habe, weil das “gesunde Kinder” ergibt. Ich mein, ernsthaft? Was für ein Schlag ins Gesicht für mehrgewichtige Eltern und Eltern von nicht gesunden Kindern, sind die dann jeweils selbst schuld, wenn Ihre Kinder krank sind? Das ist so perfide und böse.

T: Mich erinnert das an Euthanasie, mit deren Namen im 3. Reich gesagt wurde, was gesund ist und was nicht und wer Kinder haben soll und wer nicht. Es ist ekelhaft. 

I: Mich hat das sehr traurig und nachdenklich gemacht, zu allererst aber wütend. Wenn man den Beitrag verfolgt hat, hat man sehr deutlich erkannt, welche Mission Barbara Butch verfolgt, nämlich ein tolerantes und offenes Miteinander. Dass das so umgedreht wird, ist krass.

Was denkst Du, wie kommt man solchen Menschen bei, helfen da Argumente noch?

T: Die Anonymität des Internets bringt Menschen dazu, dass sie Dinge schreiben, die sie einem Menschen niemals direkt sagen würden. Ich bin absolut dagegen, dass es eine Klarnamenpflicht im Netz gibt, es ist eher eine Frage der Erziehung und der Bildung, dass so etwas nicht passiert. Manchmal denke ich aber auch an das Buch „Die Welle“: Man sucht sich eine andere, schwächer aussehende Gruppe, über die man sich erheben kann, um sich von seinem eigenen traurigen Leben erheben zu können. 

Wieso denken Leute, dass solche Beiträge ok sind? Das ist ja nicht nur bei dicken Menschen so, generell haben ja viele Leute viel Meinung und wenig Ahnung. 

Was würdest Du so jemanden gern ins Gesicht sagen?

T: Ich denke, dass so eine Beleidigung mehr über diese Menschen selbst aussagt als über Barbara. Wie oben schon gesagt, niemand würde so etwas sagen, wenn sie oder er mit sich selbst im Reinen wäre. Niemand ist bisher dadurch ein besserer Mensch geworden, dass man andere Menschen erniedrigt hat.

I: Ich würde Ihnen gerne erklären, dass das “Positivity” in Body Positivity nicht dafür steht, dass alle so werden müssen. Sichtbarkeit glorifiziert eben NICHT Übergewicht. Dicke Menschen sind Teil unserer Gesellschaft, mit jedem Recht, an ALLEM teilzunehmen. Laut zu sein. Bunt und schrill zu sein. Enge und aufreizende Kleidung zu tragen. Gesund oder ungesund zu sein, niemand schuldet irgendjemandem Gesundheit. Dafür steht diese Bewegung: Respekt. Und das schließt eben auch ein, nicht wahllos die Gesundheit und das spätere Schicksal von dicken Menschen zu bewerten, das können alle mit Mediziner*Innen besprechen. Vermutlich würde das rein gar nichts bringen, aber ich würde gerne mal sehen, wie solche Leute im echten Leben argumentieren, wenn ihnen ein dicker Mensch gegenüber sitzt.

T: Interessanterweise sind die mehrgewichtigen Menschen in einigen Altersgruppen in der Mehrheit. Aber aus irgendeinem Grund traut sich diese Mehrheit nicht aufzubegehren. Weil sie klein gemacht wird. Weil sie sich in der Minderheit fühlt. Das ist das Problem. Und zum Teil wird halt auch noch eingeredet, dass man krankhaft dick sei, siehe meinen Beitrag zum BMI. Was den meisten nicht klar ist: Dahinter steckt eine Milliarden-Industrie. Solange man den Menschen einreden kann, dass jedes Polster ungesund ist, kann man sehr viel Geld verdienen. Darum hat auch niemand Interesse daran, dass sich hier etwas ändert. 

I: Wie dem auch sei: Ich gehe jetzt ins Bett, mit meinem runden Bauch und meinem großen Po. Gute Nacht, schöner Mann! 🙂

T: Schlaf gut, schöne Frau!

Fette Ferien: Wie körperinklusiv ist das Berlins KroneLamm in Bad Teinach Zavelstein?

Eines direkt vorweg: Dieser Beitrag ist unbezahlt und unbeauftragt, der Aufenthalt wurde selbst gebucht und bezahlt.

Das familiengeführte 4-Sterne-Wellnesshotel Berlins KroneLamm im nördlichen Schwarzwald bietet alles, was man für eine gelungene Auszeit braucht: Ruhe, Komfort, Kulinarik und Wellness. Finden dort auch fette Menschen Erholung?

Ich war insgesamt drei Mal dort, habe verschiedene Zimmerkategorien erlebt und habe mir bei meinem letzten Besuch erlaubt, mit dem fetten Blick durch das Angebot zu gehen und zu beobachten, ob verschiedene Körperformen Platz und Erholung finden können.

Zimmer:

Ich war in einem Doppelzimmer mit Balkon und Poolblick im Haupthaus, in der Königreich-Suite und in einem Doppelzimmer mit Balkon und Burgblick im Nebengebäude.

Alle Zimmer sind gut zu erreichen und es gibt Fahrstühle. Die Betten sind ausreichend groß, sodass auch zwei runde Menschen nebeneinander Platz finden. Die Dusche des Zimmers im Nebengebäude war sehr eng, ein sehr runder Mensch hätte dort nicht duschen können. Bei der Buchung müsste das dann angegeben werden, ich gehe jedoch davon aus, dass es Ausweichmöglichkeiten gibt. Insgesamt bieten die Zimmer ausreichend Platz und Komfort, sodass alle Körperformen dort nächtigen können.

Restaurant/Kulinarik:

Bei Buchung des Kulinarik-Pakets (Absolute Empfehlung!) erwartet die Gäste neben einem sehr reichhaltigen Frühstücksbuffet, einer Salatbar zur Mittagszeit, einem vielfältigen Kuchenbuffet und Obst, Tee und Wasser im Wellnessbereich auch ein abendliches 4-Gänge-Menü. Wer gerne isst bekommt hier die Rundumbetreuung. Die Stühle im Restaurant können für sehr runde Menschen aufgrund der Armlehnen zu eng werden, es gibt jedoch auch Tische mit einer Bank, auf der es dann kein Problem sein dürfte, auch mit sehr viel Bauch Platz zu finden.

Wer gar nicht genug bekommen kann: Nach dem Abendessen kann man sich eine Käseauswahl und Brot mit aufs Zimmer nehmen und dort den Abend entsprechend ausklingen lassen.

Wellnessbereich:

Der Wellnessbereich (so wie generell alle Ebenen des Hotels) kann mit dem Aufzug oder über die Treppe erreicht werden, mobilitätseingeschränkte Menschen haben also überall Zugang. Der größere Außenpool und der kleine Innenpool können über eine breite Treppe betreten werden. Die unterschiedlichen Saunen und das Dampfbad sind ebenfalls gut erreichbar und bieten Platz für runde Menschen. In den meisten Saunen ist das Licht gedimmt, man sitzt also egal mit welchem Körper nie auf dem Präsentierteller. Die Türen sind normal breit, ob jemand mit wirklich großem Körperformat durch diese Türen kommt, kann ich nicht abschließend beurteilen. Aber an dieser Stelle sei der Hinweis erlaubt: Da in den meisten Gebäuden Türen dieser Größe verbaut werden, kann das schon vorher gut eingeschätzt werden. 

Die Hochsitzsauna mit dem beeindruckenden Panoramablick über den Schwarzwald ist ein Highlight, das sich auch für fette Menschen lohnt. 

Abkühlung verschaffen mehrere Duschen, die großzügig gebaut wurden, auch das Kalttauchbecken bietet genug Platz für viel Mensch. 

Zwischen dem Saunieren muss auch noch Zeit fürs Nichtstun sein: Es gibt verschiedene Entspannungs- und Ruhebereiche zum Lesen oder Schlafen. Die Liegen haben mitunter seitliche Armlehnen, die unangenehm werden können, wenn man sehr rund ist. Dazu kann ich aber sagen: Ich habe einen großen Hintern, der in allen Liegen genug Platz fand, nichts war zu eng oder zu knapp. Wer an die Grenzen des Mobiliars stößt, dem sei der Ruheraum “Waldreich” empfohlen, dort gibt es Wasserbetten und großzügige Séparées, in denen das nicht passiert. Diese Alternativen sind auch kein Plan B, sondern eine wunderbare Möglichkeit, das Buch auch mal zur Seite zu legen und zu schlafen. 

In der Salzkammer gibt es neben den Liegen auch normale Bänke, auf denen alle Körperformen Platz finden.

Übrigens: Den Tag verbringt man meistens in Badekleidung oder eben ohne, alle Gäste bekommen einen Bademantel des Hotels. Hier gibt es verschiedene Größen und es kann getauscht werden, wenn der Gestellte nicht passt. 

Wenn man sich unsicher ist, ob die eigene Größe verfügbar ist, lohnt sich eine Nachfrage bei der Buchung.

Was geht nicht: Die Infrarotkammer ist sehr eng, hier dürfte es für sehr große und sehr fette Menschen schwierig werden, sich zu entspannen. Alternativ gibt es jedoch im Saunabereich einen Infrarot-Rückenstrahler, vor den man sich setzen kann, hier gibt es mehr Platz. 

Massagen/Anwendungen:

Bei meinen letzten beiden Aufenthalten habe ich keine Anwendung gebucht, daher kann ich keine aktuelle Bewertung abgeben. Eine Nachfrage an der Rezeption ist hier mit Sicherheit aufschlussreich.

Preise:

Wellness ist nie günstig, das vorab. Ich empfinde die Preise im KroneLamm jedoch als absolut angemessen. Das Kulinarik-Paket, der Eintritt im Wellnessbereich, die Übernachtung inklusive des reichhaltigen Frühstücksbuffets sind Ihren Preis wert.

Es besteht die Möglichkeit, sich ein individuelles Angebot zusammenstellen zu lassen, je nachdem, ob man Behandlungen dazu buchen möchte oder welche Zimmerkategorie in Frage kommt. Der Transparenz halber: Wir haben im Januar 2023 in einem Doppelzimmer im Nebengebäude für drei Nächte inklusive der Verwöhnkulinarik und den Getränken, die wir zum Abendessen getrunken haben knapp 450 Euro pro Person bezahlt. 

Im Sommer waren wir zu viert in der Königreich Suite für 2 Nächte inklusive Verwöhnkulinarik und haben inklusive der Getränke beim Abendessen rund 400 Euro pro Person bezahlt. 

Generelle Stimmung:

Als runder und zudem sehr sensibler Mensch fallen mir kleine Nuancen schnell auf, ob man angeschaut wird, wie divers die anderen Gäste sind oder ob das Angebot für alle mitgedacht ist. Ich war nicht umsonst schon drei Mal in diesem Hotel und bin mir sicher, dass noch einige Besuche folgen werden. Das Servicepersonal gibt sich immer die größte Mühe, durch Freundlichkeit und Offenheit alle Gäste willkommen zu heißen. Auch innerhalb des Personals spürt man Zufriedenheit und ich habe die meisten wiedererkannt, weil sie lange im Hotel arbeiten. Auch das spricht für ein gutes Klima. Bei meinem letzten Aufenthalt fiel mir positiv auf: Obwohl das Personal passend zum Ambiente Tracht trägt, sind hier sichtbare Tattoos und verschiedene Altersgruppen, Hautfarben und Körperformen Gang und Gäbe. Auf eine ganz unaufgeregte Art. Und das scheint sich dann auf alle zu übertragen: hier wird niemand angeschaut, bewertet oder schlechter behandelt, wenn er oder sie nicht der Norm entspricht. Im Gegenteil, es herrscht eine wohlwollende Gleichgültigkeit ein, sobald man das Hotel betritt. Hier dürfen alle Gäste sein. In aller Vielfältigkeit, in der es uns Menschen nunmal gibt. Weder muss man den teuersten Badeanzug einpacken, weil er ja gesehen werden könnte, noch muss man abends in der großen Robe zum Abendessen. Aber auch hier gilt: Wenn man das möchte, wäre das auch ok.

Das für mich eindrücklichste Zeichen, dass alle Gäste ihre Eitelkeit ein Stück weit abgeben dürfen: Beim Mittagessen sitzen die meisten Gäste im Bademantel am Tisch und bedienen sich am Salatbuffet. Die Uniform der Entspannten. In einer ganz besonderen Lässigkeit reihen sich also Badelatschen und Wanderschuhe der Tagesgäste zur kurzen Schlange am Buffet. Das passiert nicht einfach, das ist sogar ganz offiziell erlaubt, wie mir die Dame an der Rezeption bei meinem letzten Aufenthalt sagte: “Alle hier im Dorf sind an den Anblick von Menschen im Bademantel gewöhnt!” 

Wenn Wellness-Urlaub eines sein soll, dann ja wohl genau so entspannt, oder?

König sein in Zavelstein. (Oder Königin, wie es mittlerweile auch auf der Webseite ergänzt wurde!) Der Slogan des Hotels verspricht selbstbewusst Großes.

Und ich kann auch nach meinem dritten Besuch sagen: Absolut gerechtfertigt! Wer Wellness in entspannter und wirklich wohlwollender Atmosphäre erleben möchte und vielleicht Bedenken hat, ob es unangenehme Blicke gibt, dem kann ich für dieses Hotel die Angst nehmen. 

Fette Ferien, fette Erholung, fette Empfehlung!